Versuchsfeld

Zwei Fragen sollen hier beantwortet werden.
Welche das sind, bitte im ersten Eintrag nachlesen.

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Finderlohn

Hier mal ein bereits fertiger Text.
Quasi als Finderlohn.

 

Noch 15 Minuten


Mit einer letzten Anstrengung schob er den schweren Ohrensessel an seinen Platz in der Mitte des Raumes. Dann trat er einen Schritt zurück um sein Werk zu begutachten.

Der Sessel erschien ihm etwas zu groß, er würde jedem der aus dem Fahrstuhl treten würde die Sicht auf den breiten Eichentisch in seinem Rücken nehmen. Ärgerlich...sehr ärgerlich...aber nun nicht mehr zu ändern. Zumindest verrichteten die Boxen der Stereoanlage, die er links und rechts des ledernen Ungetüms aufgestellt hatte, ohne Murren ihren Dienst. Auch die Projektion über den Fahrstuhltüren funktionierte einwandfrei: 15:00. Er rief noch nach dem Aufzug, wartete die Fehlermeldung auf dem Display ab und ging dann lächelnd ins Badezimmer nebenan – es war alles bereit.

Seine Hand griff nach dem wartenden Messer und unter ruhigen Schnitten öffneten sich die Adern seiner Arme. Zwei Kanülen setzte er noch in die pulsierenden Wunden ein, sie sollten nicht vorzeitig versiegen.

Rote Spuren markierten seinen Weg über den weißen Teppich als er zu dem Sessel zurückkehrte, die Stereoanlage einschaltete und den Countdown über dem Fahrstuhl startete: 14:59.

Eine viertel Stunde, soviel Zeit hatte er sich zugestanden. Er wollte nicht zu diesen Weicheiern gehören die ihren eigenen Selbstmord vereitelten weil sie die Nerven verloren. Deswegen diese Begrenzung. Solange konnte er diesen Impuls sicher unterdrücken, dann würden die Schlaftabletten wirken und ihn sanft ins Jenseits befördern.

Er nahm das Glas mit dem 23-jährigen Whiskey und erhob es auf seinen Vater. Dessen Wutanfall hätte er noch gerne miterlebt.

Er war ein Teppichnarr. Aus diesem Grund war auch der Privataufzug vor dem er gerade saß der einzige Zugang zu diesem Penthouse, in dem ein unübersehbares Schild jeden Besucher aufforderte die Schuhe auszuziehen. So sollten die handgeknüpften Kostbarkeiten geschützt werden deren Muster die gesamte Wohnung erfüllten. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken auch diesem einzig unbedachten Teppich ein Muster zu verpassen, aber für einen roten Stern würde sein Lebenssaft wohl nicht ausreichen. Nein, dann lieber den Whiskey seines alten Herrn versaufen.

Sag etwas. Was habe ich falsch gemacht? Wie lange vor dieser Nacht, hast du das Ende kommen sehen?“

Das wären wohl die Fragen die sie sich stellen würden. Er fühlte sich an die Szene aus Tom Sawyer erinnert: seiner eigenen Beerdigung beiwohnen können, ein interessanter Gedanke. Seine Familie die trauernd versuchen würde Antworten zu finden, eifersüchtig überwacht von der restlichen Gemeinde: keine falsche Bewegung, wir sehen alles. Natürlich gäbe es eine kirchliche Feier, in Bayern wäre ein Austritt für seine Eltern immer noch sozialer Selbstmord gewesen – er lachte kurz, ein schlechtes Wortspiel, aber wen wollte er denn noch unterhalten? – und er was selbst nie ausgetreten. Steuern zahlte er als Student noch nicht und ansonsten konnte er diesen Verein gut ignorieren.

Brich in Tränen aus, und klag mich endlich an.“

Er hatte sich nie beklagt. Warum auch? Sein Leben war in den geradlinigsten Bahnen verlaufen. Geldprobleme kannte er dank der reichlichen Überweisungen seiner Eltern auch während dem Studium nicht, die Prüfungen stellten ihn nicht vor allzu große Probleme, es blieb immer ausreichend Zeit für eine der zahlreichen Studentenpartys.

Natürlich hatte er trotzdem demonstriert – gegen Bologna, gegen Studiengebühren, gegen Rechts, aber das erhoffte 68er-feeling war ihm immer versagt geblieben. Vielleicht zu wenig Gras, oder zu wenig Steine, irgendwas hatte gefehlt. Schade, das hätte die Demos bestimmt noch einmal aufgewertet.

Erreicht hatten sie natürlich nie etwas mit diesen Umzügen, vielleicht war er nun erfolgreicher. Lachend vergewisserte er sich mit einem Blick hinter sich ob er auch nicht vergessen hatte den Computer auf dem Tisch abzustellen. Die Polizei würde Augen machen bei einer Durchsuchung. Sämtliche Britney Spears und Shakira Alben, alle Ausgaben des Focus als e-Paper und die Bestätigung seiner Beitritte zur CSU und dem örtlichen Schützenverein – wie würden sie das erklären? Ein kleiner Seitenhieb den er sich nicht hatte verkneifen können.

Versonnen blickte er auf seine Arme – gab es ein schöneres Rot?

11:43 verkündete die Projektion. Ob schon jemand seinen Kurzschluss im Aufzug bemerkt hatte? Selbst wenn, niemand würde ihn stören. Die Reparatur war bis jetzt nie unter einem halben Tag von Statten gegangen. Niemand konnte ihm seinen großen Abgang vermiesen. Besser, Niemand würde seine Inszenierung zerstören.

Wenn der Aufzug streikte bekamen sie eine kleine Ersatzwohnung angeboten bis der Zugang zum Penthouse wieder funktionierte. Dort würden sich alle sammeln, sein Vater der sich über einen stressigen Tag in der Firma ausließ, seine Mutter die von einer ihrer Wohltätigkeitsveranstaltungen zurückkehrte und seine Schwester die dann wieder einmal einen Laptop fordern würde, weil sie so ja nicht auf ihr SchülerVZ-Profil zugreifen konnte. Schließlich würde eine unheimliche Erleichterung um sich greifen wenn sie der Techniker aus der aufgedrückten Nähe befreite.

Und dann endlich sollten sie gemeinsam aus dem Fahrstuhl treten und in seine kalten Augen blicken.

Er hätte eigentlich erwartet, dass ihn bei diesem Gedanken zumindest eine gewisse Melancholie ergreifen würde. Aber da war nichts dergleichen. Klar, es gab einige Personen mit denen er noch gern mehr Zeit verbracht hätte, Erlebnisse an die er sich wohlwollend erinnerte. Aber es überwog das Glücksgefühl diesem Irrsinn endlich zu entrinnen. Diesem endlosen Kreislauf von Entäuschungen und Wänden. Wahrscheinlich hegte er diesen Wunsch schon zu lange um nun noch Reue zu spüren. Und allein der Gedanke an die gelungene Inszenierung jagte ihm wohlige Schauer über den Rücken.

Eine Weile hatte er auch auf etwas medienwirksameres gedrängt, aber wie wäre das möglich gewesen? Ihm war nur stets das Bild des Mannes eingefallen der mit entblößtem Oberkörper einen Panzer anschrie. Das hatte ihn beeindruckt, nur wo hätte er einen Panzer herbekommen? Auch wäre es aktuell wohl kritischer sich von einem Rollstuhl überfahren zu lassen...

Sinnierend würzte er den Whiskey mit einigen Tropfen Blut und lauschte der Musik.

Gleich neben ihr schläft friedlich, eine bleiche Gestalt, mit Augen schmal wie Mandeln, bei ihrem Anblick wird mir kalt. Der Körper ist von Narben, und Brandmalen bedeckt.“

Sein Shirt sog sich mit Blut voll als er nach den Narben auf seiner Brust tastete.

Meine Gedanken, dieser Mensch hat sie gedacht, über fast ein ganzes Jahr hinweg, gewährte ich ihm Macht. Über mich und mein Leben, was hätte ich gegeben, um mich eine Stunde lang nur, über mich selbst zu erheben.“

Er dachte zurück, weit mehr als ein Jahr kam ihm dabei in den Sinn. Unzählige Male hatte dieser Kampf ihn ihm getobt und dabei konnte er nicht einmal sagen, welcher Teil sich über den anderen erheben wollte. Auch nicht welchen Teil er sich herauszuschneiden versucht hatte. Ein Kopfschütteln – nein, das war schon wieder dramatisiert, die paar Kratzer passten wohl besser in das Modebild eines Emos. Eine Tatsache die er nur stets zu leugnen versuchte. Konnte er nicht einmal jetzt zu sich ehrlich sein? Aber zu welchem Sich?

Wie besessen, stürz ich blindlings in den Wahn.“

Ja, Wahn musste es gewesen sein, er war sich ganz sicher. Keine Modeerscheinung sollte ihn ermordet haben, sondern guter aufrechter Wahn.Vor seinen Augen formte sich eine Art Hulk mit Hitlerbärtchen dessen Gruß er stolz erwiederte – Das versöhnliche Ende einer langen Feindschaft.

All das Unrecht beging ich, um einsam und allein, zum Schluss mit meinem größten Feind, mit mir selbst konfrontiert zu sein.“

Jedesmal wieder schockierte ihn, wie treffend Lieder einen beschreiben konnten. Da bemühte man sich sein ganzes Leben lang um Individualität, nur am Ende von einem Kerl vorgesungen zu bekommen wie man sich fühlte.

Die ausufernden Blutflecken auf dem weißen Teppich erinnerten ihn an die Mandalas aus seiner Grundschulzeit. Wie lange das schon her war? Solange konnte es nicht sein, der Whiskey in seiner Hand hatte es länger auf diesem Planeten ausgehalten als er – auch eine Art vom Alkohol besiegt zu werden schmunzelte er, während seine Lippen erneut den Glasrand umschlossen.

5:46. Tickte die Zeit schneller oder pochte da doch sein schlechtes Gewissen? Hatte er zumindest an alles gedacht? Ein prüfender Blick hinter sich: Computer, seine Geschichten, ein Abschiedsbrief. Eine mit bedacht gewählte Sammlung...

My anger rise, at a different target now.“

Vielleicht war das sein Problem gewesen, er hatte nie gelernt seine Wut nach außen zu tragen. Immer war ihm beigebracht worden die Gegenseite zu verstehen, nicht vorschnell zu urteilen und auf keinen Fall sein Gegenüber persönlich anzugreifen, er kam sich manchmal liberaler als Net Flanders vor. Natürlich war das sinnvoll, er wollte auch niemals anders handeln. Man musste sich doch ein bischen Idealismus in dieser Welt erhalten. Nur ab und zu hätte er gerne eine Diskussion weniger in seinem Kopf gehabt.

For now my name, will forever be remembered.“

Unsterblichkeit – nicht körperlich sondern in den Köpfen der Menschen, das war sein Lebensziel. Konnte es in dieser gottlosen Welt überhaupt andere Ziele geben? Sein Blut quakste leise wenn es auf den übersättigten Teppich traf.

Run amok run, Run amok run.“

Das Stichwort holte ihn wieder zurück. Hätte ein Amoklauf ihn diesem Ziel näher gebracht? Das Medieninteresse wäre eindeutig höher. Doch die Vorstellung nur wieder einer neuen Mode nachzulaufen ekelte ihn. Außerdem wollte er nicht nur immer als der Typ bekannt sein, der 12, 15 andere erledigt hatte. Nein, er würde seine Hoffnungen was sein Fortleben betraf auf seinen Geschichten belassen.

Kurzgeschichten, 23 Stück – die Zahl hatte er als Schmankerl für die Verschwörungstheoretiker gewählt – lagen gleich hinter ihm sauber gebunden in einem kleinen Buch.

Niemand außer ihm hatte sie bisher gesehen, aber das würde sich hoffentlich bald ändern. Sein Tod sollte sie vermarkten. Die Menschen liebten solche Geschichten. Er würde einen neuen Hype auslösen, jeden für Out erklären, der seine Werke nicht kannte. Er wäre tausenden jungen Schriftstellern Inspiration.

Glücksgefühle durchströmten ihn. Nichts konnte mehr schiefgehen versicherte er seiner schwachen Spiegelung in den Fahrstuhltüren und bekräftigte diese Aussage mit dem letzten Schluck Whiskey.

Noch zwei Minuten, er sollte sich langsam überlegen mit welchem Gesichtsausdruck er seine Familie empfangen wollte. Streng? Verzweifelt? Glücklich? Aufmerksam betrachtete er sein Spiegelbild aus dessen Nase plötzlich kleine Rauchwolken aufstiegen. Schnell folgten größere und lösten in ihm Panik aus.

Er wollte aufstehen und die Fahrstuhltüren öffnen, doch die Schlaftabletten und der Blutverlust streckten ihn sofort nieder. Seine Augen sträubten sich dagegen erneut diese Welt anzusehen, aber er musste wissen woher dieser Rauch kam.

Mit zitternder Hand erreichte er nach endlosen Quälereien den Türknopf, dichter Rauch quoll aus dem Schacht über dessen Rand er sich schob.

Ein kleines Feuer fraß sich durch die Dämmung des Fahrstuhls. Sein Kurzschluss musste es verursacht haben. Ein matter Fluch drang über seine Lippen.

Er durfte keine Zeit verlieren. Gleich neben dem Aufzug verlief die Gasleitung für das Penthouse. Wenn das Feuer sie erreichen würde...Nein, so durfte sein Erbe nicht enden. Kritiker, nicht Flammen sollten seine Werke fressen.

Ein Blick nach oben gab ihm noch eine knappe Minute. Er würde es nicht schaffen Wasser zu holen, oder einen Feuerlöscher. Seine Lungen weigerten sich bereits weiterhin die rauchige Luft einzusaugen. Er wollte schlafen.

13, vielleicht 17 Stockwerke mochten zwischen ihm und dem Feuer liegen. Vielleicht konnte er es mit seinem Körper ersticken. Er müsste nur treffen...

Die Stereoanlage brüllte ihm „Bleed“ hinterher, als der Wind das Rauschen seines letzten Blutes schon übertönte: „Bleed to death.“

 

 

28.7.10 15:33

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